Der Mantel

 

Lergon f'gurrdh schloss sein Fenster und setzte sich auf das Bett. Der Tag war lang und anstrengend gewesen, er fühlte jeden Knochen. Seine Frau war zu Besuch bei einer kranken Tante, er vermisste sie bereits, obwohl sie erst gestern abgereist war. Seufzend griff er nach dem Krug Rotwein, der auf dem Nachttisch stand, und nahm einen Schluck. Dieser Schlaftrunk war eine liebe, alte Gewohnheit von ihm und beruhigte seine Gedanken genug, dass er schlafen konnte. Im Hinüberdämmern legte er den Kopf auf das Kissen, als er ein Ploppen hörte. Im Nu war er hellwach, sprang auf und griff nach seinem Dolch. Das Bild seines Zimmers verschwamm vor seinen Augen, er taumelte. Neben ihm, das Bett – dort konnte er sich festhalten. Doch seine suchende Hand griff ins Leere. Unsicher suchte er weiter, blind, bis seine Finger etwas ertasteten. Erleichtert griff er zu, verlagerte sein Gewicht... und fühlte, dass er stürzte. Der Aufprall auf das Pflaster der Straße war das Letzte, das er mitbekam, dann wurde es dunkel um ihn. Den Schatten, der sein Zimmer verließ, nahm er nicht mehr wahr.

***

Delwyn n'patrach besah sich das Zimmer, während sein Assistent Pedr m'dafad sich um die weinende Ehefrau kümmerte. Auf den ersten Blick sah es alles ganz klar aus, aber es war fast schon zu klar. Nichts war so gewesen, wie die sichtbaren Fakten es zeigten. Lächelnd schaute er sich weiter um. Das war ihm nur recht, simple Fälle waren langweilig. Und Langeweile war nichts für einen Fianna. Schon gar nicht, wenn ihr Anführer davon Wind bekam. Er hatte unfehlbare Methoden, um Langeweile zu bekämpfen. Aber hier... die Täuschung war plump, für so dumm konnten sie die Fianna nicht halten. Der Diener, der von der Straße her angeblich einen Schatten gesehen hatte, welcher den Verstorbenen gestoßen haben sollte. Der vergessene Mantel des Attentäters, der auf das Haus Finia deutete. Das war alles viel zu glatt. Aber er würde die Wahrheit schon herausfinden. Zuerst einmal würde er sich mit der Witwe unterhalten müssen.
"Mistress f'gurdh, könnte ich eventuell kurz mit Ihnen sprechen? Wir müssen die Umstände des Todes Ihres Mannes ermitteln."
Mit tränenfeuchten Augen sah sie zu ihm auf, dann nickte sie. Delwyn nahm ihr gegenüber Platz und sah sie an.
"Sie sagten zu meinem Assistenten, dass Sie den ganzen Abend zu Hause gewesen waren und keinerlei Anzeichen von Nervosität bei Ihrem Gatten bemerkten. Als Sie dann Ihre Nachttoilette erledigten, hörten Sie einen erstickten Schrei und sahen schließlich einen Schatten flüchten, als Sie wieder in das Schlafgemach kamen? Wann war das ungefähr? Und können Sie uns nähere Details des Flüchtenden geben?"
Sie brach erneut in Tränen aus und Delwyn kassierte einen strafenden Blick seines Assistenten, den er mit einem fast unmerklichen Schulterzucken quittierte. Der Junge würde noch viel lernen müssen.
"Es... es muss gegen Mitternacht gewesen sein. Warum nur musste ihm das passieren? Er hatte doch niemandem etwas getan? Der... der Schatten... er war groß, muskulös. Volles, blondes Haar, bis zu den Schulterblättern. Kräftige, aber geschickte Hände... sie werden doch alles tun, um diesen scheußlichen Vorfall zu sühnen, oder? Bitte... mein Lergon..."
Delwyn winkte einer jungen Fianna, welche die Frau behutsam fortführte, in einen ruhigen Nebenraum. Dann wandte er sich Pedr zu.
"Nun, was sagst du, was ist hier vorgefallen?"
Der Angesprochene zuckte zusammen, er hatte verträumt der Witwe hinterhergesehen. Dann aber legte sich ein eifriger Ausdruck über sein Gesicht.
"Sehr einfach, würde ich sagen. Ein Angreifer hielt sich hier verborgen, bis der Tote vor dem Fenster stand. Er stieß ihn hinaus und floh dann, als er die Gattin seines Opfers hörte. Die Beschreibung des Täters haben wir ja, damit sollte der Fall schnell geklärt sein. Wie du siehst, ich bin schon mehr als in der Lage, knifflige Fälle aufzuklären. Wann lässt du mich das erste Mal alleine ermitteln, Delwyn?“
Delwyn mußte über diese Ungeduld grinsen, dann aber sah er seinen jungen Assistenten mit hartem Blick an.
"Ich schätze, du darfst alleine ermitteln, wenn ich mich in Sicherheit an der Oberfläche befinde, Pedr. Eine Glanzleistung war deine Beobachtung jedenfalls nicht. Aber beginnen wir mal am Anfang. Der Diener... er sagt, er hätte einen Schatten gesehen, der seinen Herrn gestoßen habe. Das Problem ist nur... wenn das Fenster auf gewesen ist, hätte er mehr als einen Schatten sehen müssen, oder? Und wäre es zu gewesen, hätte es zerbrechen müssen, als f'gurrdh hindurchgestoßen wurde. Es ist aber noch ganz. Also hat der Diener entweder mehr oder weniger gesehen. Ähnliches gilt für Mistress f'gurrdh – für einen Schatten hat sie sehr viel gesehen, vor allem die geschickten Hände. Ich denke, sie lügen uns an, Pedr. Und als letzter Beweis, den man uns vorgehalten hat... der Mantel. Warum sollte ein Meuchelmörder solch ein Kleidungsstück liegen lassen, das uns auf seine Spur führt? Entweder kleiden sie sich in unauffällige Sachen, die nicht auf ihr Haus hinweisen, oder sie achten peinlich genau darauf, alles mitzunehmen, das sie verraten könnte. Was aber niemand erwähnt hat... riechst du es nicht?"
Schnüffelnd bewegte sich der Fianna durch das Zimmer, blieb schließlich am Bett stehen. Er roch am Kissen und hielt es schließlich Pedr hin.
"Da, das war es. Wie passt das hier zu dem Stoß aus dem Fenster?"
Pedr roch vorsichtig und verzog dann angewidert das Gesicht.
"Das riecht scheußlich, was ist das?"
Delwyn lächelte.
"Das tut es, in der Tat. Und niemand schien es zu bemerken, was ich sehr seltsam finde. Was du hier riechst, mein lieber Pedr, ist Nebelmistel. Die Pflanze ist harmlos, aber an den Enden der Blätter bilden sich kleine, tautropfenartige Früchte. Berührt man sie, so sondern sie einen Nebel ab, der die Sinne verwirrt. Es scheint, als hätte jemand eine Nebelmistel an diesem Kissen platziert. Als sich f'gurrdh dann hinlegen wollte, wurde der Nebel ausgestoßen, was mit einem leisen Geräusch passiert. Aber warum sollte jemand so einen Aufwand treiben, nur um jemanden aus dem Fenster zu stoßen? Nein, mein Junge, da stimmt etwas nicht. Treib diesen Diener auf, wir nehmen ihn mit auf die Wachstube. Dort werden wir ihn dann gründlich befragen."

***

Delwyn beugte sich lächelnd vor, über den zitternden Diener. Sein Assistent stand an der Tür und hielt Wachstafel und Griffel bereit.
"Und nun noch einmal ganz von vorne. Ich würde aber dieses Mal bevorzugen, wenn wir bei den Tatsachen bleiben. Was genau hast du mitten in der Nacht auf der Straße gemacht? Einen Spaziergang? Das glaube ich dir nicht. Aber bestimmt wirst du dann ja von unserem Zeugen erkannt, der zu dem Zeitpunkt auf der Straße war, meinst du nicht? Denn wenn du nicht von ihm erkannt wirst, bedeutet es du würdest mich anlügen. Und wer lügt, begeht bestimmt auch einen Mord, oder? Denn ein Alibi hättest du dann ja nicht mehr, was bedeutet, du könntest nicht beweisen, dass du den Mord nicht begangen hättest. Keine schöne Situation, oder? Aber die Wahrheit wird dir helfen, das tut sie immer. Lass uns einfach so tun als hättest du mir nie diese lächerliche Geschichte erzählt, was meinst du? Also... was hast du zum besagten Zeitpunkt gemacht?"
Der Diener war immer bleicher geworden. Seine Finger krampften sich um die Lehne des Stuhls, auf dem er saß.
"Aber... ich bin doch nur... ich kann doch nicht... sie sagte..."
Delwyn nickte Pedr kurz zu. Nun war es soweit. Endlich würde etwas Licht in die Sache kommen.
"Bitte... kann ich ein Glas Wasser haben? Mein Hals ist so trocken, das Glas von Mistress f'gurrdh scheint nicht genug gewesen zu sein. Ich möchte etwas trinken, bitte. Dann rede ich."
Delwyn gab einem Fianna ein Zeichen, dann stutzte er.
"Mistress f'gurrdh gab dir ein Glas Wasser, sagst du? Oh, Moch, schnell, wir brauchen..."
Doch es war schon zu spät. Der Diener bäumte sich mit vor Schreck geweiteten Augen auf, Schaum trat ihm aus dem Mund, dann sackte er zusammen. Delwyn brauchte keinen Mediker, um zu wissen, was passiert war. Der Diener würde nie mehr etwas sagen, er war zu Moch gegangen. Er seufzte, dann wirbelte er herum.
"Schnell, bringt mir Mistress f'gurrdh, aber seid vorsichtig. Sie hat nun schon zwei Morde auf dem Gewissen, da wird sie ein Dritter nicht unbedingt abschrecken."

***

Ein paar Stunden später saß Delwyn n'patrach seinem Vorgesetzten gegenüber, dem Anführer der Fianna. Dieser musterte ihn genau und stellte dann die Frage, die ihn am meisten beschäftigte.
"Du hast also Mistress f'gurrdh wegen Mordes an ihrem Gatten und an dem Diener verhaften lassen. Die Tochter eines einflussreichen und vor allem reichen Kaufmannes. Wie kommst du auf diesen Gedanken, wenn ich fragen darf? Ihre Familie wird mich in der Luft zerreißen, wenn du dich geirrt hast, das weißt du?" Delwyn lächelte, als er sich für einige Sekunden erlaubte, dieses Bild zu sehen.
"Sie würden es versuchen... und scheitern, wie bisher jeder, Hauptmann. Aber der Fall ist eigentlich recht klar. Mistress f'gurrdh war ihres Gatten überdrüssig, wollte ihn los werden und mit ihrem Geliebten ersetzen. Der dann natürlich von ihr abhängig gewesen wäre. Aber sie hat zu viele Fehler gemacht. Die Nebelmistel war ein guter Einfall. Sie trübte die Wahrnehmung ihres Gatten, der im Versuch sich festzuhalten aus dem Fenster und in den Tod stürzte. Wäre sie bei einem Unfall geblieben, hätte sie vielleicht Erfolg mit ihrem Plan gehabt. Aber dann hatte sie den Einfall, den Tod auf das „Spiel der Theachta“ zu schieben und übertrieb. Der vergessene Mantel – niemand läßt ein derartiges Stück liegen, nicht einmal wenn er überrascht wird. Und selbst die Fehden der Häuser werden nicht derart offen ausgetragen. Als sie ihren Diener dann dazu bewegte, eine Lüge zu erzählen, bewegte sie sich schon auf dünnem Eis. Deswegen beseitigte sie ihn mit Gift, als wir ihn festnahmen. Ihr größter Fehler war aber ihre Beschreibung des angeblichen Angreifers. Sie beschrieb ihn wie jemanden, den sie sehr genau kannte. Genauer gesagt entsprach die Beschreibung der ihres Geliebten... sie muss wohl unwillkürlich an ihn gedacht haben. Denn sie war kurz vor dem Mord noch bei ihm, ihr Mann ging allein zu Bett. Nein, Hauptmann, der Fall ist eindeutig. Die Familie sollte den Skandal nicht noch künstlich vergrößern, denke ich."
Nachdenklich saß Feach MacLlyr auf seinem Stuhl, seinen Pokal mit der Rechten umfassend. Dann nahm er einen Schluck und grinste den Fianna an.
"Du hattest Spaß an dem Fall, das sehe ich dir an. Und du hast ihn zu meiner vollständigen Zufriedenheit gelöst. Ich glaube, ich tue dir keinen wirklichen Gefallen mit dem, was ich vorhabe, aber du wirst zumindest Freude an deiner Aufgabe haben. Vom heutigen Tage an wirst du Sonderermittler sein. Dein Aufgabengebiet wird Fälle wie den hier umfassen, daneben bist du noch für die Nebenwirkungen der Ränkespielchen zuständig. Titel vergebe ich nicht, große Anerkennung wird auch nicht daraus resultieren... aber sei dir meiner Dankbarkeit gewiss und meiner Unterstützung. Wenn du etwas brauchst, lass es mich wissen, ich werde dann sehen was ich tun kann. Und nun möchte ich dich nicht länger aufhalten, ich glaube, du hast zu tun. Viel Erfolg, Delwyn n'patrach." Sprachlos erhob Delwyn sich, verabschiedete sich mechanisch und ging. Erst als er seine Wachstube fast schon erreicht hatte, wurde ihm bewusst, was der Hauptmann gerade gesagt hatte. Breit grinsend betrat er die Wachstube, sehr zur Verwunderung der anderen Fianna. Ja, nun hatte er viel zu tun. Und er würde Freude an der Arbeit haben.



 

Ende

 

Der Mantel
Feach MacLlyr
Bernd "Camo" Meyer

 

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Stand:13.06.2011