Wen die Mocha laden zum Feste

 

Fenrar ra Col, der Chronist der Druiden Tir Thuathas, war schon lange auf Reisen durch sein Land. Ein einfacher Karren, in dem er lebte, wenn er denn außerhalb besiedelter Gebiete und Dörfern oder gar Städten weilte, gezogen von einem starken Muli, barg alles, was er in diesem Leben besaß.
Hölzernes Geschirr, schlichte Kleidung und einige Münzen die er sein Eigen nannte.
Doch der größte Schatz war sein gesammeltes Wissen, zusammengetragen in Hunderten von ihm beschriebenen Pergamenten.
Von Sagen und Legenden seines Landes, Märchen, die er sich von einfachen Bauern aber auch lokalen Fürsten hat erzählen lassen, bis hin zu Rezepten, wie man am besten Warzen loswird oder auch ein leckeres Mal bereitet.
Überfälle hatte er auf seinen Reisen nie zu befürchten gehabt. Denn kein Schurke, sei er auch noch so gewissenlos, war so töricht, die Götter zu verärgern, indem er einen heiligen Mann ausraubte oder gar tötete.
Außerdem zeugte das einfache Gefährt nicht gerade von Reichtum ... und sein Besitzer schon gar nicht.
Diesmal hatte ihn sein Weg in einen magisch anmutenden Wald geführt. Es war ein lauer Sommerabend und der Druide genoss die Stille, die vom Anbruch der Nacht kündete.
Mit fahrigen Fingern kramte er eine einfach gezeichnete Karte aus den Falten seines Gewandes, breitete diese auf seinen Knien aus und studierte sie aus zusammengezogenen Augenbrauen im ersterbenden Licht des vergehenden Tages.
"Hm," murmelte er bei sich, "laut diesem Gekritzel sollte es hier ein Dorf geben der Fluß ist da, nur sehe ich keine Häuser, kein Städtchen, das den Namen Gwallagh tragen könnte."
Er schnalzte mit der Zunge und Akka, das treue Muli, ließ aufmerksam die Ohren spielen.
"Tja, alte Freundin, ich fürchte, wir haben uns ganz schön über den Tisch ziehen lassen," schmunzelte er leise über seiner eigenen Leichtgläubigkeit.
"Jedenfalls denke ich, dass wir diese Nacht wieder einmal unter den Sternen Magiras verbringen werden."
Er befreite das Tier vom Geschirr und lies es abseits weiden.
Dann entzündete der Mann ein kleines Feuer, setzte sich davor und starrte sinnierend in die Flammen.
"Nun fehlt nur noch das Dorf und vielleicht eine gemütliche Taverne," sagte er bei sich.
"Du siehst nur nicht richtig hin," vernahm er plötzlich die Stimme einer jungen Frau.
Erschrocken wirbelte er herum und aus dem mittlerweile Dunkel trat eine schlanke Gestalt.
"Ist es erlaubt?", fragte sie und ohne auch nur eine Antwort abzuwarten, ließ sie sich neben ihm nieder.
"Ihr habt mich überrascht, junge Dame", sagte er, heimlich nach Luft schnappend, nur mühsam verbergend, wie sehr ihn der plötzliche Besuch erschreckt hatte.
"Da wir wohl gemeinsam den nächsten Morgen erwarten werden, darf ich euren Namen erfahren, und was ihr allein zu dieser Stunde weitab von jeder Stadt für Geschäfte habt? Man nennt mich im übrigen Fenrar ra Col und ich bin ein fahrender Druide, ein Chronist, Sammler von Geschichten und Legenden."
Die Frau lachte leise während sie ihre schlanken Hände am Feuer wärmte.
"Man ruft mich, soweit ich mich erinnere, Skavenra, und Ihr, mein lieber Druide, seid mir fürwahr ein schlechter Chronist, der blind durch seine Welten wandert."
"Holla, Skavenra," beschwerte sich der Mann, "kein Grund beleidigend zu werden. Ich habe euch an mein Feuer eingeladen und Ihr dankt es mir mit solch kecker Rede?"
Die Gescholtene sah ihn direkt an, (zum ersten Mal) und es war dem Manne, als würde sich ihr Blick Dolchen gleich in sein Denken bohren.
Mit heimlichem Grauen bemerkte er, dass die uralten Augen dieser Frau ihr jugendliches, beinahe kindliches Gesicht Lügen straften.
Sie lächelte mädchenhaft und zeigte zwei perfekte weiße Zahnreihen.
"Nicht lag mir ferner als grob zu euch zu sein, werter Druide. Und um eure Frage zu beantworten, was ich denn hier tue, Nun, ich bin gekommen, um einem blinden Weisen für kurze Zeit das Sehen zu geben."
Und bevor er auch nur protestieren konnte, schlang sie die Arme um seinen Hals, senkte ihre tiefroten Lippen auf seinen Mund und stahl ihm einen langen Kuss.
Dann, nach Sekunden der geraubten Zärtlichkeit, ließ sie von ihm ab und hauchte ihm ihren Atem auf die Augen.
Später vermochte er nur zu sagen, das sie schmeckte und roch wie die Luft nach einem schweren Gewittersturm.
"Wa ...", stammelte er, "was hast Du gerade mit mir gemacht?"
Ein glockenhelles Lachen war ihre Antwort.
"Ich habe euch Sicht gegeben, wenn auch der Kuss ... nun dies war zu meinem eigenen Vergnügen," schmunzelte sie.
"Sicht?"
Wieder lachte sie.
"Wenn ihr den Blick von mir lösen könntet und euch noch einmal den Fluss anseht, werdet ihr verstehen."
Er tat wie ihm geheißen und da stockte für einen Lidschlag sein Herz.
Dort, wo vorher noch alte Bäume die Ufer des Gewässers säumten, lagen nun üppige Felder. In der Dunkelheit sah er Schatten von Häusern, hinter deren Fenstern Licht zu erkennen war.
Auch Geräusche von Vieh waren nun zu vernehmen. Aber all dies erschien irgendwie unwirklich.
"Was bei all den Göttern ..." entfuhr es ihn als er sich erhob.
"Bevor ihr hingeht, solltet ihr wissen, das ihr nur beobachten, nicht aber eingreifen könnt." sagte sie leise.
"Aber warum? Sind es Geister?"
"Geister, Schatten der Vergangenheit, wer mag es sagen? Nennt es, wie es euch beliebt."
"Aber warum tut ihr das?"
Erneut das helle Lachen und sie drehte sich vergnügt wie ein kleines Mädchen, so das sich ihr Rock wie eine aufgehende Blüte im Morgenlicht, bauschte.
"Ich bin keine gute Erzählerin, so ist es mir lieber, Ihr seht einfach, was geschah. Haltet gut in Erinnerung, was ihr heute erleben werdet. Berichtet davon in euren Schriftrollen. Bitte.."
Immer noch benommen blickte Fenrar auf die Szenerie, die sich immer deutlicher seinem Auge bot.
Da ließ ihn ein ein Windstoß, ein plötzliches Rauschen, herumfahren.
Laub, welches von den Bäumen gerissen worden war, fiel taumelnd zu Boden. Doch von seiner nächtlichen Besucherin fehlte jede Spur. Nur von Ferne vermeinte er das leise Klingen eines Glöckchens zu vernehmen.
Sicherheitshalber spannte er Aka wieder ein, denn eine innere Stimme riet ihm, dies zu tun, sollte es nötig sein, sich schnell von diesem Orte zu entfernen.
Dann atmete er tief ein und schritt auf das geisterhafte Dorf zu.

***

Levard war kein Thuatha. Doch trieb er sein Unwesen gern in diesem großen Land, das ihm und seiner Gruppe Banditen schon viel an Reichtum beschert hatte. Er mochte die einsam liegenden Dörfer und Gehöfte, die gleich einer leichten Beute, sich nur ihm und seinen Männern darzubieten schienen.
Ein Mensch der ihn nicht kannte und nur von außen betrachtete, würde dieser als eine schöne Gestalt erscheinen.
Im Gegensatz zu seiner Bande von Meuchelmördern achtete er sehr auf sein Äußeres.
Er war hochgewachsen, schlank, seine Kleidung zeugte von Geschmack und unterstrich seine Eleganz.
Ein Mann mit großem Charisma, aber mit derselben Bewegung, mit der er morgens sein schwarzes Haar kämmte, so tötete er auch; kalt und ohne groß darüber nachzudenken.
Man kann sogar sagen, das er seiner Morgentoilette mehr Aufmerksamkeit zukommen ließ als seinem Morden.
Er hielt sich ein parfümiertes Tuch vor die Nase, in dem vergeblichen Versuch, den Gestank verbrannten Fleisches von sich abzuhalten.
Auf seinen lackschwarzen Haaren spiegelte sich der Schein der gierigen Flammen, die er und seine Kumpane selbst gelegt hatten.
Jene, die es gewagt hatten, sich ihnen entgegenzustellen, sie hatte ein schneller Tod ereilt.
Die anderen hatten sie nun zusammengetrieben, Schlachtvieh gleich.
Da hörte er ein unterdrücktes Keuchen aus einem der wenigen Häuser, die noch nicht lichterloh brannten.
Böse lächelnd zog er sein Schwert und ging schnellen Schrittes auf das Haus zu, trat die Tür ein, welche krachend ins Innere stürzte.
Das Innere war gefüllt mit beißendem Qualm. In der Ecke kauerte ein Mann. Ein Bauer, seinem Aussehen nach zu schließen. Doch er hatte sich schützend vor seine Frau platziert, hob abwehrend ein langes Messer.
Mit geübtem Blick hatte Levard die sich ihm bietende Bühne erfasst.
Den zitternden, doch zu allem entschlossenem Mann, der das Messer vor sich hielt - wohl wissend, das er nicht die Spur einer Chance hat -, die bewusstlose Frau in seinem Rücken und eine Bewegung unter dem großen Tisch.
Aus dem Augenwinkel erkannte er die bebende Gestalt eines Kindes, ein Mädchen, vielleicht 10 Lenze zählend.
Er grinste wölfisch und griff den Mann an.
Nur ein, zwei Hiebe, dann flirrte das Messer davon und verschwand in die Dunkelheit.
"Sieh nur hin, Kleines," sagte er heiser, "denn das wirst Du nie vergessen."
Eiskalt und ohne auch nur einen Atemzug an Gnade verschwendend, stach er gnadenlos zu.
Röchelnd starb der Mann, den Blick in ohnmächtiger Verzweiflung auf sein Kind gerichtet.
Dann nestelte Levard an seiner Hose, um sich an der Frau zu vergehen, doch ein Blick verriet ihm, das sie nicht mehr auf dieser Welt weilte. Die Angst hatte sie getötet. Er drehte sich um zu dem Kind, zerrte sie grob unter dem Tisch hervor.
"Sieh, Kind, was geschehen ist. Dein Vater, bestimmt Dein Held, konnte Dich nicht schützen. Denn er war ein Knecht, kein Krieger. Und Deine Mutter? Nun, sie ist lieber vor Angst gestorben."
Die Kleine strampelte und schrie als er sie an ihrem Kleidchen hochhob und sie eingehend betrachtete.
"Ich werde Dich leben lassen. Heute habe ich keine Lust mehr Blut zu vergießen ... aber wer weiß? Vielleicht werde ich Dich morgen einfach kochen und auffressen.
Doch sollst Du auch etwas haben, das Dich immer an diesen Tag erinnert, wenn Du auch nur in den Spiegel oder aber ein stilles Wasser blickst."
Mit rascher Hand zückte er ein scharfes Messer und schnitt dem schreienden Kind tief quer über die Stirn.
"Wenn Du Glück hast, wird sich der Brand nicht in Deine Wunde setzen und Du wirst es überleben. Doch bei dem Schmutz hier ... ich bezweifele es."
Dann warf er das wimmernde Bündel auf den Boden der Stube und verließ den Ort seiner jüngsten Gräueltat.
Draußen stritten sich seine Leute bereits um die spärliche Beute.
Als er über die Schwelle trat und sich gerade zu seinen Männern gesellen wollte, bemerkte er ganz in der Nähe eine weibliche Gestalt, die ihn unverhohlen und ohne Angst, ja beinahe mit Neugier musterte.
Viel konnte er nicht erkennen, denn die Dunkelheit der Nacht, nur erhellt durch die Flammen einer nahen, in brand gesetzten Scheune, ließ nur eine spärliche Sicht zu.
Doch das was er sah, weckte seine Gier, diese Frau zu besitzen.
Ein eher dünnes Gewand aus feinem Stoff umschmeichelte ihren schlanken Körper. Ein leichter Wind presste es derart an ihre Erscheinung, dass sich unter dem Stoff die Konturen ihres zierlichen Körpers genau abzeichneten, als trüge sie nicht mehr als ein nasses Leinenhemd.
Sich vorsichtig umsehend vergewisserte er sich, das keiner seiner Mordgesellen sie bemerkt hatte, schnalzte dann zufrieden mit der Zunge und trat einige schnelle Schritte auf das Mädchen zu, um sie rasch zu ergreifen und sein Anrecht auf diese süße Beute geltend zu machen.
Doch bevor er sie auch nur berühren konnte, wich sie ihm spöttisch lachend aus. Dabei gewährte sie ihm einen kecken Blick in ihr Dekolletee, als sie, bevor sie sich leichtfüßig zur Flucht wand, spöttisch vor ihm knickste.
Seinem erwachenden Jagdtrieb folgend, setzte er ihr nach. Mal schien sie ihm fast zu entkommen, dann wiederum war es ihm, als müsste er nur zugreifen, um ihrer habhaft zu werden. Doch entfloh sie immer wieder, schnelle Haken schlagend, die einem Hasen zur Ehre gereicht hätten.
"Ich werde Dich bekommen, kleine Frau," stieß er keuchend hervor, nicht erkennend, dass ihn die wilde Jagd tiefer in den Wald und weiter weg von seinen Räubern und dem Dorf führte, "heute noch wirst Du das Lager mit mir teilen."
"Dafür musst Du mich erst erreichen, alter Mann", neckte sie und trieb ihn nur zu größerer Unvorsichtigkeit an.
Wie lange sie rannten? Wer vermag das zu sagen. Und immer, wenn er kurz vor dem Aufgeben stand, verringerte sie den Abstand. Gewährte ihm unerhörte Blicke.
Längst war ihr Gewand nicht mehr von einfachem Stoff, vielmehr schien es jetzt, dem Morgennebel gleich, an ihrer aparten Figur hinabzufließen.
Seine Begierde wurde zum Wahn. Noch verstärkt durch das kräftige Klopfen seines schwarzen Herzens, das sein Blut durch seinen Körper trieb und sein Denken nur noch auf die Beute und sein Verlangen richtete.
Dann stürzten beide auf eine vom bleichen Mondlicht überflutete Lichtung.
Inmitten des Platzes brannte ein großes Feuer, um das viele Gestalten sich in wildem Tanze wiegten. Über dem Feuer brutzelten köstlich duftende Braten.
Erhellt wurde der Ort zusätzlich von leuchtenden Kugeln, welche die Feiernden wohl in die Bäume gehängt hatten.
Unwirkliche Musik erfüllte die Luft. Beinahe stofflich tanzten die Akkorde über das weiche Moos des Tanzplatzes.
Das Mädchen blieb stehen, jauchzend vor Vergnügen.
"Hai, war das ein Rennen," rief sie. "Freunde, begrüßt Levard, meinen Galan für dieses Fest!"
Und bevor der Bandit sich versah, war er umringt von dutzenden Frauen und Männern, so anmutig und schön, wie er es nie für möglich gehalten hätte.
Man steckte ihm Leckereien zu, Trauben, gebratene Wachteln und auch kühlen Wein.
Hungrig und voller Gier nahm er die ihm dargebotenen Köstlichkeiten, stopfte sie sich, nicht gerade sehr fein, in seinen Mund und spülte sie mit großen Schlucken des roten Rebensaftes hinunter.
Als er dann nach der Frau greifen wollte, die er schon als sein Eigentum erachtete, drückte sie ihn sanft aber bestimmt von sich weg.
"Ihr grober Kerl, seht wie schmutzig Ihr seid,"
Sie lächelte.
"Erlaubt das meine Schwestern euch baden und salben, auch ich werde mir den Schmutz unseres Wettrennens abwaschen."
Sie nahm seine Hand und führte den Mann zu einem Vorhang zwischen zwei großen Eichen. Dahinter dampfte eine natürliche, heiße Quelle.
Zwei betörend schöne Frauen, bekleidet mit leichten Tuniken, erwarteten ihn.
Wohlig grunzend ließ er sich ins Wasser gleiten.
Grinsend dachte er bei sich: "Und da behaupte noch mal jemand, dass sich das Leben eines Räubers nicht lohnen würde ..."
Er spürte noch sanfte Hände auf seinem breiten Rücken. Nahm einen tiefen Schluck aus dem ihm dargereichten Kelch, da schwindelte ihn und es wurde schwarz vor seinen Augen.

***

Er erwachte. Hunderte kleiner Dämonen bearbeitete mit eisernen Hämmern die Innenseite seiner Stirn. Er drückte Daumen und Zeigefinger auf seine Augen, versuchte so den rasenden Kopfschmerz zu vertreiben.
Seine Glieder schmerzten.
Er sah an sich herab. Nicht mehr länger ruhte er in den schmeichelnden Wassern der warmen Quelle, vielmehr lag er nun in einem schlammigen, stinkenden Tümpel.
"Was zur Hölle," fluchte er, als er sich stöhnend aufrichtete, seine klammen, schmerzenden Glieder streckte und sich mühsam versuchte zu erinnern, was in der Nacht geschehen war.
Er entdeckte seine Kleidung, achtlos auf den Boden geworfen und verteilt, raffte sie zusammen und zog sich an.
Siedend heiß überkam es ihn. Schnell tastete er nach seinem Beutel.
Erleichtert seufzend stellte er fest, dass die Leute der vergangenen Stunden nicht an seinem Gold interessiert gewesen waren.
Doch nun erwacht der Zorn in ihm ... wer waren diese Menschen gewesen, die es gewagt hatten, ihn derart zu foppen?
Irgendwer würde heute dafür zu zahlen haben, dass man ihn so zum Narren gemacht hatte.
Er zog seinen Dolch aus der Scheide, fuhr prüfend mit dem Daumen über die scharfe Klinge, dann lächelte er böse.
Das kleine Balg des getöteten Bauernpaars kam ihm in den Sinn.
Ja, so beschloss er finster, das Kind würde leiden müssen für das Schändliche das man ihm angetan hatte. Und ein willkommenes Beiwerk würde es sein, das die Leute sich noch mehr vor seinem Namen fürchteten und seine schmutzige Bande weiter vor ihm kuschte.
Im Gehen dachte er bei sich: "Ja, Angst ist immer eine gute Motivation und Partnerin, wenn sie auf deiner Seite steht."
In Gedanken malte er sich aus, was er alles mit ihr tun würde, so dass er nicht wirklich auf den Weg achtete.
Irritiert blieb er stehen, als ihm gewahr wurde, dass er such schon an der Dorfgrenze befand.
Es war ihm gar nicht klar geworden, wie groß es in Wahrheit war, kein Dorf, eher schon eine kleine Stadt lag vor ihm.
Ein weiteres Detail beunruhigte ihn.
Da war kein Geruch von Feuer in der Luft, dabei hatten gestern noch mehr als die Hälfte der Hütten gebrannt, doch waren nirgends rauchende Ruinen zu erkennen.
Hatte er sich gar verirrt und war er in eine andere Ansiedlung geraten?
Einige der Bewohner waren stehengeblieben und musterten Levard argwöhnisch. Jedoch nicht ängstlich, nein, eher behutsam, als würden sie versuchen, einen Fremden einzuschätzen.
Levard richtete das Wort an einen der Umstehenden.
"Du da," rief er rau, "sag mir, wie ist der Name dieses Ortes?"
der Angesprochene grinste und entblößte dabei fleckige Zähne.
"Mann, wo seid Ihr nur her? Habt ihr etwa getrunken? Dies ist natürlich Gwallagh. Das solltet ihr wirklich wissen, wenn ihr in diesen Landen unterwegs seid."
"Das kann nicht sein, ich war gestern noch in Gwallagh, und da war es ein schmutziges kleines Dorf und keine Stadt."
Außerdem müssten sich meine Männer hier aufhalten, wo sind sie hin? Bei welchen eurer Huren haben sie sich niedergelegt?"
"Ihr führt eine freches Rede, mein Herr," ließ sich eine Stimme vernehmen. "Und solche Worte hören wir hier nicht gern. Unsere Frauen sind ehrbar. Sie würden nie bei Fremden liegen.und schon gar nicht bei solch einem Schmutzfink, wie Ihr es seid!"
Levard drehte sich um in Erwartung eines Bauern, doch es verschlug ihm die Sprache, als er sich einer Stadtwache gegenüber sah, wohl gerüstet und offenkundig genau wissend, wie man ein Schwert zu führen hat.
"Mein Namen ist Levard", herrschte die Wache an, die Hand aber sicherheitshalber schon am Griff seines Schwertes legend.
"Nun Levard, soll mir euer Name etwas sagen? Er zeugt nur davon, das ihr von sehr weit her seid und am besten auch dahin wieder eure Schritte lenken solltet."
Fassungslos starrte der Bandit ihn an.
"Mein Name ... sagt euch nichts?" würgte er hervor.
"Nein," kam die Antwort, "aber vielleicht sollte ich ihn mir merken, wenn es mir einfällt, Euch doch in den Turm zu sperren."
Levard spürte nun aufkommende Panik. Er griff einen der Umstehenden am Kragen.
"Aber Du, Du weißt doch, wer ich bin, nicht wahr? Levard Levard der Grausame? Ihr müsst euch doch erinnern?"
Doch überall erntete er nur Kopfschütteln und abweisende Blicke.
"Offenkundig ist der Mann verrückt," - "oder Betrunken." - "vielleicht gestürzt und hart auf den Kopf gefallen..." so vernahm er die abfälligen Bemerkungen über seine Person.
"Ich kenne Deinen Namen, weiß um Dein Gesicht und um Deine Geschichte, Levard der Schlächter."
Die Stimme einer alten Frau durchschnitt den Morgen. Eine Gasse bildete sich, an deren Ende Levard stand.
Ein uraltes Mütterchen, schwer gestützt auf einem knorrigen Stab, näherte sich ihm langsamen Schrittes.
"Es gab nicht einen Tag, an dem ich nicht an Dich gedacht habe," stieß sie hervor. "Nicht eine Nacht in der ich nicht nach meinen Eltern weinte..."
Gesenkten Hauptes stand die kleine Frau nun vor dem Manne. Sie hob den Kopf, sah Levard an und dieser erkannte mit Entsetzen eine entstellende Narbe, welche sich quer über ihre Stirn zog.
Die Narbe einer Wunde, die er noch gestern einem Kind zugefügt hatte.
"Es ist lange her, fast 80 Sommer habe ich gewartet, gelitten," flüsterte sie, "ich habe die Mocha angefleht, dass sie Dich strafen mögen ... ich sehe, sie sind meiner Bitte nachgekommen."
"Aber," so stammelte er, "das ist nicht möglich, das sind doch nur Märchen."
Furcht griff mit klammer Hand nach seinem Herzen.
Prüfend sah die Alte in sein Gesicht ... dann lächelte sie und griff plötzlich nach seinem Hals, bog ihn hinunter zu sich.
Unfähig einer Gegenwehr, da die Angst ihn nun vollends beherrschte, ließ der einstige Räuberhauptmann es geschehen.
Die Frau presste ihre faltigen Lippen auf die seinen, und entsetzt riss Levard die Augen auf ...
Denn mit Macht und Gewalt holte die Zeit ihre geborgten Jahre zurück.
Vor den erschreckten Bewohnern der Stadt zerfloss sein jugendliches Gesicht... Falten gruben sich in seine Wangen, die schwarzen Haare wurden stumpf, dann Grau zu Weiß, bevor sie büschelweise zu Boden gingen...
Seine Augen trübten sich, wurden milchig
Voller Grauen erkannten sie als letztes, wie die Jahre, die aus ihm trieften, das Leben in das alte Antlitz der Frau gaben.
Gruben sich tiefe Kanäle in sein Gesicht, so straffte sich das ihrige.
Ihre vormals vom Alter gebeugte Gestalt richtete sich auf, als längst vergangene Jugend in ihre Adern strömte.
Noch einmal schrie Levard in Agonie und Todesangst auf, durchlebte innerhalb von Lidschlägen 80 Jahre Schmerz, Angst und Trauer, dann löste sich sein Fleisch und klappernd fielen seine Knochen zu Boden.
Kurzzeitig sah sein Schädel aus leeren Höhlen in die Runde, als ein Wind aufkam, und seine Gebeine zu Staub zerrieb und in alle Himmelsrichtungen davontrug.
Dort, wo vorher noch die Alte stand, befand sich nun eine junge Frau. Ihr Körper schlank und geschmeidig.
Sie hob die Hände zu ihrer Kapuze und schlug sie zurück.
Silberweißes, langes Haar umrahmte nun ein feingeschnittenes Gesicht und ihre Augen strahlten im andersweltlichen Violett.
Eine weitere Böe kam auf, spielte mit der silbernen Flut und legte ein Ohr frei, dessen Spitze sich nur zu deutlich von den runden Ohrmuscheln der Menschen abhob.
Geschockt wich die Menge zurück.
"Eine Mocha, seht, sie ist zu einer der Ihren, zu einer Mocha geworden. Mögen die Götter unsere Kinder schützen."
Sie drehte sich vor fröhlichem Übermut, Ihr Kleid bauschte sich wie eine Blüte, die sich dem Morgen entgegenreckte.
Dann lachte sie glockenhell auf und lief leichtfüßig in den Wald und jeder Einwohner der Stadt vernahm fröhliche Stimmen, Kinderlachen, welche die Mocha willkommen hießen.

***

Fenrar ra Col erwachte wie aus einem Fiebertraum. Er befand sich immer noch in seinem Lager. Das Feuer war längst niedergebrannt. Ihn fröstelte. Ja, er würde diese Geschichte aufschreiben, das schwor er sich.
"Wenn ich nur wüsste, warum es diesen Ort nicht mehr gibt?"
"Wir Mocha haben wohl zu oft und zu nah gefeiert," ließ sich eine kleine Stimme vernehmen.
"Sie sind alle gegangen, vor vielen hundert Jahren schon."
Langsam drehte er sich herum. Als würde das, was hinter ihm stand, nicht mehr da sein, wenn er sich vollends umgewandt hätte.
Doch da stand sie, die Mocha, der Wind spielte mit unsichtbaren Fingern in ihren silbernen Haaren, liebkoste das zarte Gesicht, ihre fragile Figur.
Eine feine Narbe war auf ihrer Stirn zu erkennen. Wie ein Reif, nicht entstellend, eher schmückend.
"Magst mit mir feiern kommen?" lockte sie, trat einen Schritt auf ihn zu und ihre violetten Augen strahlten.
Er wich zurück ... taxierte das Geschöpf der Anderswelt in abergläubischer Furcht.
Er schüttelte leicht den Kopf, versuchte ihren Verführungskünsten zu widerstehen. Hinter ihr erahnte er schattenhaft tanzende Gestalten, sah Licht durch das Blattwerk sickern.
Mit einem Satz sprang er rasch auf seinen Kutschbock, ließ die Peitsche knallen und raste so schnell wie möglich von diesem Ort, der nun dem Hügelvolk gehörte.

***

Und noch lange trieb er sein Muli an, so lange, bis er kein Gelächter und kein klingeln kleiner Glöckchen mehr hören konnte...

 

Wen die Mocha laden zum Feste
Arkan e'dhelcú
E. Schramm

 

Zurück



Stand:14.07.2015