Die Schande

 

Geschichten aus der Küche von Feach Bokusor

 

Dampf wallte aus der Türöffnung, die hinab in den Keller führte. Das Klappern von Metall auf Metall, schabende Geräusche und das Blubbern von Flüssigkeiten begleiteten den Dampf. Die dazugehörigen Gerüche aber waren nicht das, was man erwartet hätte. Es roch nicht nach alchemistischen Experimenten oder nach dem beißenden Gestank, der aus Hexenküchen hervordringen soll. Nein, es roch gut. Geradezu köstlich roch es, das Wasser lief einem im Munde zusammen. Würde ein Beobachter nun näherkommen, sich vorsichtig durch den Dampf tasten, so würde er Laute hören, die nicht zu jenen Düften passen würden. Die Sprache, in der jene Laute geäußert wurden, wäre dem Beobachter unbekannt, aber er würde sie sofort als Flüche und Beschimpfungen einordnen. Es kam keine Antwort, aber das hatte ja nichts zu bedeuten.
In dem Keller, der geräumiger war, als man angenommen hätte, befand sich eine luxuriös eingerichtete Küche. Töpfe und Pfannen, riesige Spieße, Messer in allen Formen und Längen, ein riesiger Ofen und mehrere Kochfeuer ließen sich hier bewundern. Inmitten all dieser Gerätschaften befand sich eine Gestalt, gekleidet in eine lange, rote Tunika, etwas fülliger und sichtlich ärgerlich. Ein Strom von Worten, die sich vom Tonfall her nur als unflätige Flüche einordnen ließen, hallte durch das weitläufige Gewölbe. Dann und wann rührte die Gestalt mit einem gewaltigen Löffel in einem riesigen Kessel, in dem eine grüne Flüssigkeit blubberte. Auf einem Tisch links von der Gestalt war das Objekt, was scheinbar den Zorn der Gestalt erregt hatte. Auf einem dicken Holzbrett, dem man die rege Benutzung über eine sehr lange Zeit ansah, lag ein Laib Brot. Jeder Bäcker wäre stolz gewesen, dieses Brot als sein Werk vorzuzeigen, doch die Gestalt betrachtete es mit einem Blick, der nahelegte, dass es etwas furchtbar Böses war. Der Strom der Schimpfworte in der fremden Sprache verstummte, als die Gestalt sich herunterbeugte, mit der Nase fast den Laib berührend.

 

"Quel dommage, es ist rüiniert. Rüiniert, sage iesch. Niemals wieder werde iesch würdig sein, eine einfach Süpp zu kochen. Unwürdiesch, das bin iesch. Nicht einmal die Brot gelingt mir, es ist eine Schand. Iesch muss gehen fort, weit fort. Rüiniert, meine Rüf ist rüiniert!"
Nun konnte man das ganze Ausmaß der Katastrophe sehen, die dieses Brot ereilt hatte und damit den Ruf der Gestalt der Lächerlichkeit preisgegeben hatte. Der ansonsten makellose Laib des Brotes hatte eine verkohlte Stelle. Verkohlt. Fast einen ganzen Millimeter groß, unübersehbar mitten an der Unterkante des Brotes. Und nur der verbliebene Rest der Küchenehre des exilthuathischen Ausnahmekochs Feach Bokusor verhinderte, dass sie ihrer Qual durch eines der Küchenmesser ein Ende bereitete. Blut auf einem Küchenboden undenkbar!

 

Ende

 

Die Schande
Feach e'dhelcú
Bernd "Camo" Meyer

 

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Stand:26.01.2012