Intrigenspiel

 

Die Dunkelheit umhüllte Reesa schützend, verbarg Schatten in Schatten. Es war das erste Mal seit ihrer Ausbildung, dass sie ohne "Aufpasser" unterwegs war. Sie liebte die Dunkelheit, wenn der Wind sanft über ihre Haut strich und der Mondvogel seine Lieder sang. Doch heute lag ihre Konzentration nicht bei den Schönheiten der Nacht. Irgend etwas war im Gange in und um den Palast. Noch war sie dem nicht auf die Schliche gekommen, aber sie hatte sich geschworen, nicht eher aufzugeben, als bis sie es herausgefunden hatte.
Doch so sehr sie sich auch mühte, sie konnte in dieser Nacht nichts entdecken und zudem verärgerte sie eine Nachricht ihrer Mutter. Diese wies sie mal wieder auf die Notwendigkeit hin, sich einen geeigneten Partner zu suchen. Schnaubend hatte Reesa den Brief zerknüllt und fortgeworfen. Unter einem geeigneten Partner erachtete ihre Mutter einen Mann jeglichen Alters, solange er aus einer reichen Familie stammte und nach Möglichkeit einer, in die noch nicht eingeheiratet worden war. Nun, da gab es nicht mehr allzu viele, denn sie waren schon mit fast jeder anderen Familie verwandt. Eigentlich gab es nur noch zwei Familien, bei denen es sich lohnte. Die eine war die des Hügelprinzen und die zweite war ausgerechnet eine der schlimmsten Gegenparteien des Prinzen.
Sie hatte noch nie Interesse an der großen Politik gehabt, aber sie wusste, sie würde nie etwas gegen die Familie des Hügelprinzen tun und somit war es unnötig, über eine Hochzeit in die Richtung dieser Opposition nachzudenken. In die Familie des Prinzen einzuheiraten war aber nahezu unmöglich, zumal sie sich vorgenommen hatte, nur aus Liebe einem Manne anzugehören.
Kopfschüttelnd rief Reesa sich zur Ordnung, da waren ihr doch einfach die Gedanken abgeschweift und sie hatte ihr eigentliches Ziel aus den Augen verloren.
Ach wenn es doch nicht so schwer wäre. Aber ihr fehlte jeglicher Anhaltspunkt für ihren Verdacht. Es war - und das musste sie sich selbst eingestehen - einfach nur ein vages Gefühl einer Bedrohung, welches in der Luft lag. Viel zu schwach, um es wirklich zu fassen.
Also zog sie weiter ihre rastlosen Runden durch Garten und Palast, hatte ihre Ohren und Sinne überall, nur um sich selbst beruhigen zu können.
Erst als der Morgen dämmerte, gab sie ihre Runden auf und begab sich müde in ihr Gemach. Doch auch dort befiel sie eine Unruhe, welche sie nicht im Bett hielt. Müde stand sie am Fenster und sah blicklos in die Ferne. Kaum dass sie es merkte, begann ihr Geist zu wandern, schweifte umher, berührte hier und da kurz ein Wesen, nur um dann weiter zu wandern. Fast magisch wurde sie dabei von einem dunklen Etwas angezogen, einer Präsenz, ohne wirkliche Form. Dunkel loderte die Aura, von tiefster Bosheit und Missgunst. Doch ehe sie sich ihr wirklich nähern konnte, war es, als würde etwas sie beiseite stoßen. Sie konnte nur einen Hauch von Alter, Weisheit und etwas Wahn wahrnehmen, eh sie sich erwachend auf dem Fußboden vor dem Fenster wieder fand.
Was war nur geschehen? Verwirrt schüttelte Reesa sich. Ihr war kalt, obwohl die warme Sonne durch das Fenster auf ihren Körper fiel. Sie wagte nicht, noch einmal nach diesem Etwas zu suchen.
Doch nach wie vor lag dieses Geheimnis in der Luft, welches sie nicht fassen konnte. Ihr schien, als würde der Palast summen und brummen, doch wo immer sie sich hinwandte, lösten sich Grüppchen auf und Köpfe, die sich im eifrigen Gespräch zugeneigt waren, wurden stumm auseinandergezogen und man ging auseinander. Doch wenn sie den Geist dieser streifte, konnte sie keinerlei schlechte Gefühle ausmachen. Langsam wollte Reesa an ihrem Verstand zweifeln und noch immer lauerte dieses Dunkle und Böse am Rande der Stadt. Doch wann immer sie versuchte, sich diesem anzunähern, wurde sie zurückgeworfen von einer anderen Kraft, deren Berührung sie schreckte, da sie darin einen Wahn erkannte, der ihr Angst machte. Und selbst als sie versuchte, den Ort zu erkunden, an welchem sie diese bedrohliche Aura gefunden hatte, trieb etwas sie nach nur wenigen Schritten wieder zurück. Sie wusste, sie musste das Feach melden. Doch was sollte sie ihm schon berichten? Der Ort war vom Aussehen her nicht bedrohlich gewesen und die Bewohner der Stadt bewegten sich hier ohne irgendwelche Anzeichen einer Beeinflussung vorbei. Nur sie selbst wurde von etwas daran gehindert dort zu sein. Und langsam war ihr auch klar geworden, dass diese Bedrohung nicht jene war, welche sie so beunruhigt hatte und sie rastlos durch Schloss und Garten wandern ließ. Was auch immer dieses hier war, es bewegte sich nicht an eine andere Stelle. Weder schien es andere Mocha zu befallen, noch hatte es irgend welche sichtbaren Auswirkungen auf die Umgebung. Wenn man ihr eigenes Missempfinden einmal außer Acht ließ. Also wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder in eine andere Richtung und beobachtete weiter. Das Verhalten der Bewohner in unmittelbarer Nähe war befremdlich, sie schienen sich heimlich gegenseitig etwas zuzustecken und auszutauschen. Einmal hatte sie sogar Fiacha gesehen, wie sie mit einer Gruppe zusammenstand und etwas umherreichte. Reesa konnte nicht näher an sie heran kommen, ohne dass man sie bemerkt hätte. So gut ihre Fähigkeiten, unbemerkt an einem Ort zu verweilen, auch waren, so konnte sie sich doch nicht gänzlich unsichtbar machen und jeder hätte ihr Herannahen früher oder später bemerkt. Auch schienen Boten aus anderen Städten ein und aus zu gehen, doch keiner dieser Boten wurde auch nur bei Arkan gemeldet.
Es verging ein weiterer Tag und als der zweite sich dem Abend näherte, folgte Reesa einem dieser Boten, der mit sichtlicher Hast vorwärts strebte und sich nicht umblickte. An einer Nebentür der großen Festhalle verharrte er und schien auf etwas zu warten. Er verbarg etwas unter seinem Umhang, doch was es war, konnte Reesa nicht erkennen. Trotzdem machte sie sich bereit, ihn zu ergreifen, sollte er irgend etwas gegen den Prinzen oder seine Familie versuchen.
Dann, nach einiger Zeit, ertönten Fanfaren und sie konnte hören, wie der Saal sich füllte. Im Gedanken ging sie jeden Anlass durch, der ihr einfiel, doch keiner stand für den heutigen Tag auf der Tagesordnung, welche sie, in aller Bescheidenheit gesagt, auswendig kannte.
Was, bei Moch, ging hier eigentlich vor? Angestrengt behielt sie den Boten im Auge und versuchte dabei, in Richtung des Saales zu lauschen. Dann öffnete sich die Tür einen Spalt und der Bote schlüpfte hindurch. Vor Empörung, dass die Tür ihr vor der Nase wieder zugefallen war, stand sie einen Moment unschlüssig, eh sie sich besann und sie wieder öffnete. Drinnen herrschte Stille und alle sahen in Richtung des Throns, auf welchem Arkan entspannt lächelnd saß. Der Bote verneigte sich ehrerbietig und hielt eine kleine Truhe in den ausgestreckten Händen.
"Mit den allerherzlichsten Wünschen dieses kleine Geschenk, welches euch Cor Falias sendet, zu eurem Ehrentag mein Prinz."
Mit einem Neigen seines Hauptes dankte Arkan dem Boten und bat ihn, seinen herzlichsten Dank an die Bürger Cor Falias zu übersenden. Damit nahm ein Diener dem Boten die Truhe ab und stellte sie zu einigen anderen bereits überbrachten Gaben.
Reesa wollte es schier schwindelig werden und schwarz vor Augen. Was sollte das alles? Eine leichte Berührung an ihrem Ellenbogen ließ sie sich wieder auf das Hier und Jetzt besinnen und mit einer kaum merklichen Drehung des Kopfes sah sie aus dem Augenwinkel Feach neben sich stehen. Er schien verschmitzt über das ganze Gesicht zu strahlen.
"Was, bei Moch, geht hier vor?" zischte Reesa durch zusammengebissene Zähne. Verwundert und immer noch mit dem verschmitzten Strahlen in den Augen sah er sie an.
"Ja aber weißt du es denn nicht, unser Prinz hat Geburtstag."
"Geburtstag" echote sie verblüfft.
"Aber warum hat mich niemand informiert? Seit Tagen versuche ich, einer vermeintlichen Bedrohung auf den Grund zu gehen."
Ein leichtes Grinsen spielte um Feachs Lippen.
"Du hast deine Arbeit gut gemacht. Es ist dir gelungen, Arkan von uns abzulenken, so dass wir das erste Mal seinen Geburtstag vorbereiten konnten, ohne dass er irgend etwas davon bemerkt hat."
Beleidigt und beschämt biss sich Reesa auf die Lippen und presste zwischen ihnen hervor.
"Dann seid ihr auch für diese eigenartige, dunkle Präsenz am Rande der Stadt zuständig? Und auch für diese Kraft, die mich von dort fern gehalten hat?"
Nun war es an Feach, verblüfft drein zu schauen. Sie hörte noch so etwas wie ein gemurmeltes "Da soll mich doch..." und "... das muss ich sofortů"
Damit war er verschwunden und sie stand allein inmitten der Geburtstagsfeier für den Hügelprinzen.

 

Intrigenspiel
Reesa
Jannine Wächter

 

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Stand:25.04.2016