12. Anhang
12.1 Vor der Zeit:
Als die Kinder des Wassers sich aufmachten, um die Abkömmlinge der Luft zu verdrängen, spürte Moch, dass die Zeit der Herrschaft vorüber war. Er, als Herr über die Toten, sah den Wechsel voraus und suchte Airdhust, die Urmutter, seine Mutter, auf.
In der Ebene des Lebens und des Gedeihens fühlte sich der Herr über die wirklich Toten sehr unwohl. Zögernd nur näherte er sich der Mutter des Lebens und verharrte in ihrem Angesicht.
Airdhust, ihren Sohn offenbar zuerst nicht bemerkend, strich mit sanfter Bewegung über den Boden und dort sprossen sofort Myriaden von Blumen hervor. Dann erst hob sie ihren Kopf und sah ihren Sohn an:
"Moch! Selbst mir, der die Unendlichkeit nichts bedeutet, ist bewusst, wie lange ich nichts von dir hörte..."
Sie hielt inne und bohrte ihren Blick in die Augen Mochs:
"Was willst du?"
Er hielt stand, wenn auch kaum merkbar bebend.
"Ich weiß, die Herrschaft der Kinder der Luft ist Vergangenheit. Ich erbitte von dir eine nur Gnade: Lass mich die Geschöpfe des ersten Zeitalters retten!"
Die Göttin des Lebens schüttelte den Kopf:
"Gerade du, Moch? Gerade du, der Herr über den endgültigen Tod, willst die Wesen der Welt erretten?"
Ohne Erklärung antwortete Moch: "Ja, dies ist mein Wille!"
"Warum?" Entgegnete Airdhust.
"Weil ich der Sohn meiner Mutter bin..." entgegnete der Gebieter des wahren Todes, der immer der Widersacher seiner Mutter gewesen war, mit Tränen in den Augen. Sie lehnte sich zurück. Gedankenverloren erschuf sie einige neue Geschöpfe, darunter auch den Menschen. Sie betrachtete ihr Werk, sah schon jetzt das Gute wie auch das Böse in Aspekten davon und hielt inne. Als sie bereits antworten wollte, manifestierten sich Misg und Anamoch. Sie hoben an wie ein Wesen zu sprechen:
"Moch spricht wahr... Warum hast du uns die Fähigkeit des Schaffens gegeben, wenn unsere Werke einfach so vergehen sollen? Du hast entschieden, dass unsere Zeit vorüber ist. Soll unsere Schöpfung, in deinem Geiste geschehen, vergessen und verloren sein?"
Die Muttergottheit überlegte nicht einen Herzschlag des Universums lang, in dem sieben Welten entstanden und auch wieder vergingen.
"Was ihr sagt rührt mich an. Euer Vergehen als Herrscher über diese Welt ist nicht abzuwenden, weil es von mir beschlossen wurde. Und," fügte sie auf eindringliche Weise hinzu, "ich ändere meine Entschlüsse nicht."
Sie erhob sich: "Jedoch gewähre ich Moch seinen Wunsch. Führe die Geschöpfe der ersten Welt an einen Ort, an dem sie neben denen des zweiten Zeitalters existieren können. Du weißt, welchen. Und ihr alle, meine Kinder, habt nach all den Äonen endlich gelernt, von wem ihr entstammt. Auch ihr sollt von den Lebewesen der neuen Ordnung noch immer gekannt werden. Das ist mein Wille! Und nun geht!"
***
Es war ein dunkler Ort, an dem Perdachdh E´dh, der bislang unumschränkte Herrscher der ersten Welt weilte. Die kristallenen Hallen seiner Residenz hatte er hinter sich gelassen, da er nachdenken musste. Diese Emporkömmlinge, diese Menschen... Er hatte so viele Schlachten geschlagen, so viele Gegner besiegt. Und doch war da ein schaler Geschmack in seinem Mund.
Woher waren sie gekommen? Warum nur drängten sie das wahre Volk weiter und weiter zurück? Hatten sich die Götter von ihm abgewandt? Er setzte sich auf den Meditationsstein der Moch geweihten Höhle des wahren Todes und schloss die Augen.
Wie lange er dort verharrt hatte, wie viel Zeit vergangen war, kann niemand ermessen. Dann vernahm der Prinz eine Stimme:
"Sieh mich an, Sohn!"
Perdachdh, der wusste, dass seine Wachen kein lebendes Wesen in die Höhle lassen würden, erstarrte.
Er schlug die Augen auf.
"Moch..." raunte er, denn als Herrscher des ersten Zeitalters und als Sohn des Gebieters des wahren Todes erkannte er ihn sofort.
"Perdachdh, was ich dir zu sagen habe, ist nicht leicht, aber ich bin niemand, der lange Worte macht, das weißt du."
"Ach," begann er, besann sich eines Besseren und fragte: "Herr?"
Der Prinz hatte kurz den Eindruck, dass der Anflug eines Lächelns den Mund Mochs umspielte. Dieser Anschein verflog jedoch sofort und der Herr des wirklichen Todes fuhr fort:
"Die Zeit der Geschöpfe der Kinder der Luft neigt sich dem Ende zu. Sie werden vom Antlitz der Welt getilgt werden. Selbst ich kann daran nichts ändern, da auch meine Ära beendet ist."
"Herr..." Auf der Höhe seines Strebens dies zu erfahren raubte ihm den Atem. Und Moch fuhr fort:
"Es folgt ein neues Zeitalter, die Epoche des Menschen," fuhr der Gott fort: "Die Kinder des Wassers machen sich auf, die Herrschaft zu übernehmen. Sie, die sie nicht so auf der Welt wandeln werden wie wir, schützen die Menschen. Doch die Geschöpfe der Luft werden nicht untergehen, denn Airdhust, unser aller Mutter, hat uns die Gnade erwiesen euch zu retten."
Er atmete tief, dann fuhr er fort:
"Die Würdigsten unter euch werden ins Reich der Toten übertreten. Doch nicht um zu sterben, sondern um dort auf ewig weiter zu existieren. Um mein, um unser Erbe fortzuführen. Gesondert von der neuen Welt, jedoch nicht wirklich getrennt von ihr. Und du wirst weiterhin der Herrscher sein. Der Herrscher der Tuach na Moch, meiner Kinder. Nutze meine Anerkennung weise..."
Perdachdh E´dh konnte trotz seines großen Wissens um das Verborgene, das eben Gehörte nicht sofort begreifen:
"Aber wann...?"
"Jetzt!"
Und Dunkelheit umfing den Herrscher der Welt.
***
Als er sich seiner wieder bewusst wurde, befand er sich im Kreise seiner wichtigsten Berater. Doch viele fehlten.
Als er in seinem Herzen suchte, wusste er, es war die Wahrheit. Moch hatte sie alle in sein Reich geladen, wie er es versprochen hatte.
Als er in seinem Geist suchte, erkannte er das Vermächtnis der Kinder der Luft. Als sie ihn fragten, was geschehen sei, antwortete er:
"Wir sind in ein neues Zeitalter eingetreten und uns wurde von unseren Göttern die Gnade erwiesen, weiter zu existieren, obwohl wir dem Tode geweiht waren... Wollen wir ihnen Ehre zollen."
Um ihn herum materialisierten sich neunundvierzig in pastellen, aquamarinen Farben pulsierende Kristalle.
Er forschte in den neuen Ideen in seinem Geist und sprach seine engsten Vertrauten an: "Nehmt diese sieben mal sieben Steine und gründet sieben Städte. So wie ihr auch sieben Familien seid.
Dies ist nicht nur mein Wille, dies ist der Befehl Mochs. Wir sind seine Kinder. Wir bestehen weiter!"
So geschah es...
Doch gab es einige der Tuach na Moch, die sich entschieden ihr Glück auf der neuen Welt, der Welt des zweiten Zeitalters, dem Reich der Menschen, zu suchen. Perdachdh ließ diese durch die geheimen Tore gehen. Sie lebten dort fortan und veränderten sich und viele vergaßen trotz ihrer Langlebigkeit bald die Herkunft ihres Volkes...
(Und so steht es geschrieben in den geheimen Annalen des Hügelvolkes. Jeder mag sich einen eigenen Reim darauf machen. Ich habe nur Kenntnis davon erlangen können, da ich der Halbbruder des derzeitigen Herrschers der Tuach na Moch bin und Einblick erhielt. Der Großteil des Hügelvolkes kennt diese Überlieferungen nicht... Und die Naturgeister schon gar nicht...)
Jethro Cunack
12.2 Anmerkung zur Anzahl der Cystire:
In Jethro Cunacks Geschichte "Die Reise nach Cor Dhai" wird von einem "zwölften Cystir" in der Hauptstadt berichtet. Es handelt sich hierbei um einen Fehler bei der Übersetzung ins Thuathische!).
12.3 Der thuathische Brauch der Katzenschädel
Dieser Brauch ist einer Erzählung entnommen. Laut dieser stellen Bauern oft ein kleines Opfer für die Tuach na Moch in Form eines Tabletts, auf dem sich Honig, einige süße Waffeln und eine Schale mit Milch befindet, vor die Stufen ihrer Häuser. Dies tun sie in dem Glauben, dass diese Gabe die Mocha besänftigt und so die Häuser der Opfernden in Sicherheit vor den Scherzen und Missetaten des kleinen Volkes seien.
Um nun zu verhindern, dass diese Leckereien von Katzen verspeist werden, stellen sie zusätzlich zu den Speisen den mumifizierten Kopf einer Katze auf das Brettchen. Warum die Tuach na Moch, denen diese Tiere ja beinahe heilig sind, noch nichts gegen diesen gruseligen Brauch unternommen haben, das wissen die Götter allein.
12.4 Die relative Unsterblichkeit
Ein Tuach na Moch kann nicht auf natürliche Art und Weise sterben. Er ist dem natürlichen Alterungsprozess nicht unterworfen. Wohl aber kann er durch Gewalt, Gift oder Unfall zu Tode kommen.
Auch schwere Krankheiten können seinem Leben vorzeitig ein Ende setzen. Doch sind Krankheiten, obwohl sie bekannt sind, doch eher selten zu nennen.
12.5 Der Hügelpfeil
Eine weitere Legende der Thuatha besagt, daß eine Person, die plötzlich und unerwartet tot umfällt, von einem "Hügelpfeil" direkt ins Herz getroffen wurde. Diese "Hügelpfeile" hinterlassen keine Verletzung der äußeren Haut, sondern treffen direkt das Herz.